Reisebericht 2010




Liebe Mitglieder und Freunde unseres Vereins,


wie ich Ihnen versprochen habe, möchte ich von meiner Reise über den Jahreswechsel 2009/2010 nach Venezuela berichten. Zuerst darf ich Ihnen vom Vorstand unseres Partnervereins framerse die besten Grüße und vor allem ein großes Dankschön überbringen. Ohne unsere Hilfe wäre die Arbeit vor Ort im derzeitigen Umfang nicht möglich.

Noch vor Weihnachten konnten wir 3000 Euro überweisen, Ende Januar 2010 noch einmal genau so viel. Vorab kann ich nur sagen, dass das Geld dort dringend gebraucht wird.
Wenn Sie ein Land am Rande des wirtschaftlichen Ruins erleben möchten, so sind Sie in Venezuela zurzeit richtig. Ich war erschrocken, wie sich innerhalb eines Jahres die Umstände so verschlechtern können.

Rationierung an allen Ecken und Enden

Es fing schon am Tage meiner Ankunft an. Als wir vom Flughafen in die Stadt fuhren, bemerkte ich an jeder Tankstelle große Schlangen wartender Autos. Ich erfuhr, dass das Benzin rationiert sei - in einem erdölproduzierenden Land! Der Grund ist schnell gefunden, denn die staatliche Erdölgesellschaft PDVSA hat die Produktion erheblich eingeschränkt, fast um ein Drittel. Vor allem Misswirtschaft ist der Grund, da wichtige Investitionen jahrelang verschoben wurden. Nun sind die Anlagen marode und können nicht mehr produzieren. Ein Teil des Benzins wird nun aus Brasilien eingeführt.

Lebensmittel knapp

Auch verschiedene Lebensmittel sind weiterhin knapp. In der ganzen Stadt war z.B. über meine ganze Besuchszeit hinweg kein Hähnchenfleisch zu finden.

Durch die Währungsreform aus dem vorletzten Jahr hat sich die Inflationsrate vervielfacht. Im Jahre 2008 lag sie bei 30 Prozent, derzeit beträgt sie ungefähr 36 Prozent, Tendenz steigend. Das macht sich vor allem am allgemeinen Preisniveau bemerkbar. Manche Lebensmittel sind preisgebunden, mit dem Effekt, dass ihre Produktion nicht mehr kostendeckend betrieben werden kann, preisfreie Lebensmittel schießen im Preis in die Höhe. So kostet eine Dose Pepsi Cola - Coca Cola ist im ganzen Lande nicht mehr zu finden - umgerechnet rund 3 Euro.

Bedrohliche Sicherheitslage

Mit der Armut nimmt auch die Bedrohung durch Kriminalität zu. Die Sicherheitslage ist Thema Nr. 1 im Lande. Vor allem das "Geschäft" mit Entführungen hat überproportional zugenommen. Nicht selten kommt es hier auch immer wieder zu Todesfällen. Vor allem Kinder sind das Ziel der Kriminellen, wobei diese nicht nur die Schicht der Wohlhabenden im Visier haben, sondern mittlerweile auch die mittlere und untere Mittelschicht.

Energieknappheit

Veraltete Anlagen gibt es nicht nur bei der Erdölindustrie, sondern auch im Energiesektor. Die wenigen Kraftwerke, die Venezuela hat - Energie wird fast ausschließlich aus Wasserkraft gewonnen - können den Bedarf nicht mehr decken. Mit fatalen Folgen: Im ganzen Land wird, zeitlich versetzt, für eine bestimmte Zeit die Versorgung mit Elektrizität komplett eingestellt. In meiner Heimatstadt sind dies zurzeit 4 Stunden. Nachdem anfänglich auch lebenswichtige Einrichtungen wie Krankenhäuser davon betroffen waren, sind diese nun ausgespart. Bedrohlich wird es vor allem, wenn der Strom nach Sonnenuntergang - gegen 18 Uhr - ausfällt. Dann steigt die Kriminalitätsrate in der Dunkelheit sprunghaft an. Das Verlassen des Hauses ist dann nicht mehr ratsam. Aus Gründen der Stromeinsparung hat die Regierung auch ein örtliches Aluminiumwerk geschlossen. Rund 1000 Menschen haben ihre Arbeit verloren.

Framerse

Das Vorgeschilderte bleibt natürlich nicht ohne Folgen für unser Projekt. Für die Verantwortlichen vor Ort wird es immer schwieriger, das derzeitige Angebot aufrecht zu erhalten. Während meines Aufenthaltes habe ich sowohl sämtliche Einrichtungen von framerse besucht als auch ausführliche Gespräche mit dem Vorstand geführt.

Unsere Hilfe kommt an

Ich habe mich gefreut, dass unsere Hilfe aus Deutschland auch deutlich sichtbar geworden ist. Vor geraumer Zeit haben wir die Errichtung eines vierten Esssaales unterstützt. Dieser Raum ist mit Abstand der "schönste" Esssaal. Er bietet den Kindern eine freundliche Atmosphäre und auch Möglichkeiten, dort über das Essen hinaus zu verweilen. Dies gibt den Mitarbeitern die Möglichkeit, sich vor allem auch um die Bildung der Kinder zu kümmern. Framerse nimmt die Gelegenheit wahr und bietet eine Art Vorschulunterricht an. Hier lernen Kinder Lesen und Schreiben, aber auch wichtige Hygienestandards, um der Ausbreitung von Krankheiten entgegenzuwirken, da es in manchen Bereichen keine Kanalisation gibt. Dieses Angebot findet auch in den anderen drei Räumlichkeiten statt, jedoch unter erschwerten Bedingungen. Hier sind vor allem die Küchengeräte, auf denen das mittägliche Essen zubereitet wird, entweder in einem völlig veralteten Zustand oder z.T. defekt. So muss in einem Esssaal das Essen für rund 100 Kinder auf nur zwei Herdplatten zubereitet werden. Auch die Esssäle sind von der Kriminalität nicht verschont. So wurde in der Nacht vor meinem Besuch in einen Saal eingebrochen und der Lebensmittelvorrat von zwei Wochen gestohlen. Dem nicht genug, hatten die Täter die Kühltruhe so zerstört, dass sie ausgetauscht werden muss. Die Verantwortlichen vor Ort waren angesichts dieser Tatsache äußerst hilflos.

Ärztliche Versorgung

Framerse betreibt an seinem Hauptsitz neben der Pfarrkirche auch eine kleine ärztliche Praxis. Hier können vor allem Kinder aber auch jene, die sich keine Behandlung leisten können, eine medizinische Grundversorgung erhalten. Sämtliche Medikamente werden gespendet, und die behandelnden Ärzte arbeiten entweder umsonst oder für ein symbolisches Honorar. Hier hatten wir vor zwei Jahren um Spenden für einen neuen (gebrauchten), zahnärztlichen Behandlungsstuhl gebeten. Auch diesen Stuhl konnte ich nun in Augenschein nehmen und "probesitzen".
Der Vorstand von Framerse mit der Vorsitzenden Celina de Sanchez berichtete mir, dass unser Geld aus Deutschland eine nicht mehr zu missende Hilfe für den Verein darstellt. Neben unserem Geld erhält der Verein nur noch regelmäßige Geldzuwendungen von einer örtlichen Brauerei.

Die restlichen Mittel werden durch Aktionen vieler freiwilliger Helfer akquiriert. So werden u.a. monatlich Benefizessen veranstaltet, bei dem selbstgebackener Kuchen verkauft wird. Auch in der örtlichen Pfarrei finden Kollekten zugunsten von framerse statt. Viele Spenden erreichen den Verein auch in Form von Sachmitteln. Diese können jedoch nicht die Grundversorgung der betreuten Kinder sicherstellen. Aufgrund der wirtschaftlichen Lage ist das Spendenaufkommen vor Ort aber erheblich rückläufig.
Auch wenn die derzeitige Lage in meiner Heimat mich sehr bedrückt, so bin ich Ihnen zu größtem Dank verpflichtet, dass Sie sich unser Hilfsprojekt zu Eigen gemacht haben. Ich kann Ihnen versichern, dass Ihre Spenden ihre Wirkung nicht verfehlen.

Im Namen aller Verantwortlichen vor Ort und vor allem im Namen der unterstützten Kinder sei Ihnen nochmals herzlich "Vergelt´s Gott" für Ihre Hilfe gesagt.

Ihre

Miriam Tewes
Vorsitzende